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Montag, 21. Dezember 2015

Weihnachtszauber...

Gerade klopfte es leise, ganz sachte an unserem Fenster und ein Helfer des Weihnachtsmannes (das Christkind wurde schließlich auch erwachsen und zu einem Mann, der sich für die Menschen, ihre Sünden selbstlos opferte und eiskalt für seine Idee ermordet wurde, wie wir alle wissen. Darum erlaube ich mir als Christ auch Weihnachtsmann zu sagen!!!) stand plötzlich und vollkommen unerwartet mit einem wundervoll glitzerndem Paket vor unserer Tür.

Es war einer dieser Momente voller Magie und Zauber, die Überraschung war perfekt, denn es kam für mich vollkommen unerwartet. Niemals hätte ich damit gerechnet oder es gar erwartet. Es hat mein Herz wirklich sehr berührt, denn diese Gabe kommt nicht nur von Herzen sondern von Menschen die selbst bereits alles verloren haben und heute nur noch das notwendigste besitzen, von vielen verachtet und unerwünscht. Ihr Leben in gesicherten Verhältnissen, ihre Familie, ihre Freunde, ja selbst ihre Heimat haben sie verloren!
Es kommt von einer Flüchtlingsfamilie. Sie machten sich vor 19 Monaten mit einem Kleinstkind auf eine abenteuerliche und strapaziöse dreimonatige Reise. Bewaffnet nur mit der Hoffnung auf Sicherheit. Er ist in Syrien ein Rechtsanwalt gewesen, gehörte damit also nicht zur Unterschicht. Sie hatten ein schönes Heim, viele Freunde und die Familie in ihrer Nähe. Sie waren angesehen und hatten keine Sorgen. Sie führten ein glückliches und zufriedenes Leben im eigenem Heim. Es fehlte ihnen an nichts, eine schöne und moderne Einrichtung wie auch Fernseher, Laptop, Smartphone waren für sie wie für jeden anderen eine Selbstverständlichkeit.
Bis zu jenem schicksalshaften Tag wo die Truppen Assads in das Dorf in dem sie und der Großteil ihrer Familien lebten einfiel, wahllos wurden Männer, alte wie auch junge, brutal getötet, darunter über 50 Familienangehörige, das halbe Dorf wurde binnen kurzer ausgelöscht. Das einziges Verschulden dieser Menschen war es, neutral zu sein, zwischen Regierung und Opposition zu stehen. Sie besaßen fatalerweise wie so viele andere den Glauben "Der Präsident eines Volkes, muss sein Volk vor Gefahren schützen und nicht bedrohen oder gar die Gefahr selbst sein!" Sie waren keine Regierungsgegner und Rebellen sondern einfache Menschen der Mitte wie sie für uns Europäer mittlerweile so selbstverständlich ist, dass man zwischen zwei Lager stehen kann ohne deshalb ein Verräter, ein Nationalsozialist oder Antidemokrat ist. Aber wer in den letzten Jahren in Syrien lebt, muss sich letztlich für eine der Kampfseiten entscheiden. Die Seite die er wählt, beschützt dann vor der anderen Seite. Wer es nicht macht, ist dem sicheren Tod geweiht, er verliert jegliche Sicherheit, denn wer in der Mitte steht, ist nicht neutral sondern der Feind beider Seiten. Das Assad böse ist, das bedarf mit Sicherheit keiner erneuten Erwähnung, dass die Rebellen oder Opposition alles andere als Engel sind, sollte auch hinläufig bekannt sein. Auch diese Familie konnte sich nicht für eine Seite entscheiden, denn beide Seiten waren falsch und richtig. Wie es vielen von uns hier in Deutschland geht. Eigentlich ist man irgendwie immer SPD-Wähler gewesen, findet zwar einiges an dieser Partei und ihrem Programm falsch, schaut was die CDU zu gewissen Themen zu sagen hat hält auch vieles davon für richtig sagt aber auch die Grünen haben durchaus tolle Ideen und ein Programm das einem in bestimmten Bereichen durchaus zusagt, aber das hat wiederum auch die FDP in noch anderen Dingen. Einmal kann man problemlos mit der Regierung im Amt ist rein gar nichts anfangen und ein anderes Mal entspricht sie genau der eigenen Auffassung.
Manchmal steht man wirklich zwischen den Stühlen und kann einfach keine Entscheidung fällen oder eine Seite bevorzugen, weil beide sowohl richtig als auch falsch sind. Und dann steht man eben in der Mitte, umzingelt von vielen und sucht sich letztlich nach langem hin und her, dasss aus was am Besten zu einem passt. Manchmal hat man aber auch keine Meinung zu irgendetwas.Für uns ist es selbstverständlich und normal, in Syrien ist dieses aber seit Jahren alles andere als eine Selbstverständlichkeit oder Normalität. Man muß wählen, wenn man überleben will oder ein klein wenig Sicherheit in unsicheren Zeiten möchte.
Diese Familie konnte sich nicht für eine Seite entscheiden, denn beide Seiten waren falsch für sie.
Sie selbst blieben von dem Massaker wie durch ein Wunder verschont, denn per Zufall kamen sie an diesem Tag erst später als sonst nach Hause, der Besuch eines Arztes mit ihrem kranken Baby und eine Reifenpanne auf dem Heimweg waren ihr Glück.
Am nächsten Tag half er gemeinsam mit den anderen Überlebenden und seinen bloßen Händen diese Menschen zu Grabe zu tragen. Die Regierungstruppen waren weitergezogen, waren zwar noch nicht weg und immer noch eine Gefahr, aber auch die IS rückte währenddessen immer näher.

Sie fürchteten um ihr Leben und vor allen Dingen um das ihres nur wenige Wochen alten Kindes. Sie beschlossen daraufhin also in den Libanon zu flüchten, welches die Menschen selbstverständlich aufnahm.
Dort verrichtete er Arbeiten, für die er nicht nur nicht ausgebildet war sondern auch körperlich überhaupt nicht geeignet war. Er verdiente soviel, das es gerade für eine Einraumwohnung und das tägliche Überleben ausreichte, während er schwere Arbeit verrichtete. Anders als in Deutschland wiegen dort die kleinen Steine 45kg und die großen 75kg. Es war also ein Knochenjob. Er gab nicht auf, merkte aber das ihn seine Kraft mehr und mehr verließ, permanente und unerträgliche Schmerzen. Er merkte das er kränker und kränker wurde und wusste das er diese Arbeit nicht mehr lange würde verrichten können. Seine größte Angst war es, zu krank zum Arbeiten zu sein, als Bettler auf der Straße zu landen und damit seine Familie nicht nur nicht mehr ernähren zu können und in tiefster Armut zu landen, sondern sie damit letztlich dem Hungertod preiszugeben. Des weiteren rückte die IS immer mehr auf den Libanon zu, es war nur noch eine Frage der Zeit, bis sie auch den Libanon unter ihre Terrorherrschaft bringen würden. Sie beschlossen erneut zu flüchten, eine dreimonatige und recht abenteuerliche Reise folgte daraufhin. Wohin nach Europa war ihnen egal, die Hauptsache war "Einfach in Sicherheit und Frieden zu sein!"

Irgendwann kamen sie dann endlich in Italien an, man verfrachtete sie ein paar Tage später nach Paris. Dies erschien ihnen sinnvoll, denn französisch sprachen sie, jedes Kind lernt im Libanon oder Syrien in den Schulen von Anfang an libanesisch/französisch oder syrisch/französisch. Sie wären also in der Lage gewesen sich ein wenig mitzuteilen und die Menschen zu verstehen.
Dort waren sie aber gerade eine Nacht als es für sie hieß "Morgen geht es nach Berlin - Deutschland nimmt Sie als Flüchtlinge auf!"
Dieses war erst einmal ein riesiger Schreck, denn sie sprachen kein einziges Wort deutsch und mussten diese Sprache erst einmal komplett neu erlernen. Berlin war natürlich nicht ihr endgültiges Ziel sie wurden noch ein paar Mal hin und her geschoben, bis sie am Ende in der tiefsten Provinz Baden-Württembergs landeten. In einer kleinen muffigen als auch feuchten 2-Raum Wohnung, welche vor gar nicht so langer Zeit ein einfacher Keller gewesen war, dessen Boden gefliest war, in einem Haus das niemand überhaupt hatte mieten wollen. Andere wurden auf dem eiligst hergerichtetem Dachboden des Bauhofes im Ort untergebracht.
Also nichts wo ein Deutscher der noch einigermaßen klar bei Verstand ist, freiwillig eingezogen wäre und vor allen Dingen nicht zu diesem Preis bei dem Zustand.

In ihrer Wohnung gab es eine sehr alte Einbauküche, die irgendwann einmal in den 70igern oder frühen 80igern modern gewesen ist, auch die Eckbank und der Tisch waren sehr abgenutztes Mobiliar. Auf dem Boden fanden sich ausgetretene oder vielmehr zertretene Teppiche, ebenfalls aus dieser Zeitepoche. Im Wohnzimmer befanden sich dann drei uralte und fleckige Sofas. Das Schlafzimmer war ebenfalls alt, ich kann mich erinnern das meine Eltern eine ähnliche Schlafzimmereinrichtung besaßen, damals in den 70igern angeschafft und bereits Mitte der 80iger entsorgt. Es war also alles in allem sehr spärlich und äußerst ärmlich eingerichtet. Von ihren Nachbarn, allesamt alteingessene und ausschließlich Deutsche. Der Vermieter ließ sich natürlich im Dorf als sehr sozial feiern, dass er das Haus (was kein einziger Deutscher zuvor gewollt hatte obwohl der Ort an sich sehr begehrt ist) vollkommen selbstlos für Flüchtlinge bereitstellte. Wahrscheinlich glaubte er es selbst auch, dass er selbstlos und sozial wäre, die Mieteinahmen die er von der Gemeinde durch diese Flüchtlinge, zu der die Gemeinde gezwungen war aufzunehmen,  vergaß und übersah er dabei wohlwollend. Die Nachbarn beäugten die Fremden natürlich skeptisch, einige grüßten sie nach einigen Monaten zaghaft.   
Diese Familie schien dieses jedoch alles gar nicht zu bemerken, sondern waren einfach nur glücklich in Deutschland zu sein. So schien es, außer man fragte sie nach ihrer Heimat, dann nahmen die Augen einen sehr wehmütigen Ausdruck an.
Unser Sohn machte uns miteinander bekannt, es war eine dieser typischen Situationen zu denen nur Kinder in der Lage sind sie herbeizuführen. Er fragte mich damals, als er die beiden im Bus miteinander sprechen hörte "Welche Sprache sprechen die beiden?" laut genug um nicht überhört zu werden. Zuvor hatten wir uns im Bus zwar öfter gesehen und gegrüßt, aber keiner von uns traute sich den anderen anzusprechen.
Der Mann lächelte ihn an und gab ihm die Antwort, ehe ich noch antworten konnte "Wir sprechen arabisch und ein wenig deutsch!" Mein Sohn grinste und freute sich diebisch. "Wo ist Arabien?" war seine nächste Frage. Der Mann lächelte "Arabien ist kein Land, es sind viel Länder!" Mein Sohn überlegte kurz "Welche Ländern sind denn Arabien!" und gemeinsam überlegten wir welche Länder zu Arabien gehörten und beantworteten seine Frage. Ab diesem Tag war das Eis gebrochen, wir grüßten uns nicht nur, sondern sprachen immer öfter miteinander. Eines Tages lud ich sie zum Kaffee ein, ich habe meinen Lebtag noch keine Augen so glücklich strahlen sehen. Sie fragte mehrmals nach ob ich es wirklich meinen würde. Als sie dann kamen, konnten sie ihr Glück immer noch nicht so wirklich fassen. Sie luden uns dann ein paar Tage später zum Abendessen ein. Ich muss dazu sagen, zu dieser Zeit war Ramadan. "Ich würde Sie gerne zum Abendessen einladen, wenn Sie wollen, aber es ist Ramadan, ist das erst gegen 21:00 Uhr."
Es war ein unglaublich schöner Abend, am Anfang entschuldigten sie sich das es "nur" syrisches Essen gab.

Und dann bekam er endlich nach über 18 Monaten in der Provinz die Erlaubnis studieren zu dürfen. Sie waren so glücklich, endlich konnten sie etwas tun, endlich nicht mehr zu Hause sitzen und die Zeit totschlagen müssen. Endlich sich nicht mehr wie Schmarotzer fühlen (das taten sie wirklich).  Endlich wieder ein Sinn im Leben. Sie mussten dazu erneut umziehen und wohnen heute in Ludwigshafen. Ich hatte ihnen zu Weihnachten ein kleines Paket mit den alten Bilderbüchern unserer Kinder zusammengestellt, noch ein paar selbstgemachte Leckereien dazugelegt und gestern abgeschickt. Aber dieses wussten sie heute noch nicht und es wird laut der  Sendungsverfolgung erst Morgen eintreffen.

Somit hat ihr Geschenk also rein gar nichts mit meinem Paket zu tun, sondern es kommt einfach so, aus dem Herzen heraus. 

 
Wenn ich vorher nicht schon an den Zauber der Weihnacht geglaubt hätte, dann täte ich es spätestens seit diesem Moment. Ich kann es kaum noch abwarten, dass endlich der Heiligabend kommt.   Dieses Jahr steht Weihnachten unter einem ganz besonderen Stern: Sowohl die Christen feiern die Geburt Jesu wie auch die Muslime die Geburt Mohammeds zur selben Zeit.

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